Dorn im Auge
Kürzlich hatte ich einen Termin beim Augenarzt. Ich hatte in letzter Zeit das Gefühl, trotz Brille etwas schlechter zu sehen und wollte daher meine Augen wieder einmal gründlich durchchecken lassen.
Die Augenärztin kannte mich noch nicht, ich war nur einmal bei ihrem Praxiskollegen und dieser war – nett formuliert – nicht fähig zu einer angemessenen Kommunikation. Um so überraschter war ich, dass die Augenärztin sehr nett und sympathisch rüber kam. Sie hat meine Krankengeschichte aufgenommen, in welcher ich ihr auch erzählte, dass ich letztes Jahr während einiger Monate krank war. Beim Untersuchen meiner Augen fragte sie mich: “Haben Sie im letzten Jahr, als Sie krank waren, so zugenommen?” Ich antwortete ihr wahrheitsgemäss, dass ich durch weniger Bewegung schon etwas zugenommen habe, ich jedoch schon immer mehr Gewicht auf den Rippen habe. Daraufhin hielt mir die Augenärztin, während Sie mich untersuchte, einen Vortrag über die Folgen von Übergewicht und wie toll es doch ist sich leichter zu fühlen. Ich habe ihr mit einem Ohr zugehört und machte ab und zu mhhhmm… Als sie mir mit Bluthochdruck und Diabetes kam, teilte ich ihr mit, das meine Werte alle bestens sind. “Ja Sie sind ja auch noch jung!”, meinte sie.
Mit dieser netten Aussage war das Thema abgeschlossen. Ich habe auch nichts mehr dazu gesagt, weil ich finde, dass mein Gewicht sie nichts angeht. Heute denke ich, dass ich eigentlich hätte reagieren müssen. Nun zum Glück kann ich das ja noch nachholen:
Liebe Augenärztin,
es ist nett, dass Sie sich Sorgen um meine Gesundheit machen. Ich habe Sie jedoch aufgesucht, mit dem klaren Wunsch, dass Sie meine Augen untersuchen. Ich habe nicht nach Ratschlägen oder Tipps bezüglich meines Gewichts gefragt. Auch über die möglichen “Risiken” muss ich nicht aufgeklärt werden. Ich weiss bestens Bescheid über Bluthochdruck und Diabetes und den Auswirkungen, die ein schlecht eingestellter Blutzucker und Bluthochdruck aufs Auge hat. Ich finde Ihre Antwort “Sie sind ja noch jung” auf meine guten Werte anmassend. Die Antwort zeugt von einer schlechten und ungenügenden Anamnese meines Lebensstils.
Wenn Sie mir einer Patientin über ihr Gewicht und deren Risiko für Diabetes, Bluthochdruck und den Einfluss aufs Auge sprechen wollen, dann klären Sie doch vorher ein paar wesentliche Sachen ab:
Wie ernährt sie sich?
Ich ernähre mich gesund und ausgewogen ohne auf ein bestimmtes Nahrungsmittel zu verzichten.
Treibt sie Sport?
Ich treibe etwa 5 mal wöchentlich Sport. Eine Kombination aus Tanz, Yoga, Body Plate, Nordic Walking und Fahrrad fahren. Ich habe genügend Alltagsbewegung. Mein Ausdauertraining möchte ich noch ausbauen, aber mit dem Rest bin ich sehr zufrieden.
Was macht sie beruflich?
Ich bin Dipl. Pflegefachfrau und es ist nicht nötig, mich über gängige Krankheitsbilder aufzuklären.
Wie sieht ihre Anamnese in Bezug auf ihr Gewicht aus?
Ich bin seit meinen Teenagerjahren “übergewichtig”. Durch 100 Diäten habe ich immer noch mehr zugenommen und eine Essstörung entwickelt. Während 3 Jahren habe ich am Adipositas-Programm des Inselspitals teilgenommen, seither ernähre ich mich ausgewogen und bewege mich viel. Dadurch habe ich nun ein normales Verhältnis zum Essen. Meine Werte haben sich in den letzten Jahren sehr verbessert und sind alle einwandfrei. Heute weiss ich, dass Diäten mich krank machen und ich trotz gesundem Lebensstil mein Leben lang mehr Gewicht auf den Rippen haben werde. Ich weiss aber auch, dass Gesund zu sein nicht zwingend etwas mit dem Gewicht zu tun hat.
Freundliche Grüsse,
Melanie Dellenbach
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